„Was immunisiert gegen die soziale Krise“

„Gesundheit für alle: denn niemand ist sicher, bevor wir nicht alle sicher sind“ das ist eine der zentralen Forderungen der Weltgesundheitsorganisation anlässlich des internationalen Weltgesundheitstags am 7. April (1). Ein stabiles System sozialer Sicherheit kann eine Pandemie nicht verhindern, aber helfen die Lasten der sozialen Krise abzufedern und damit die Gefährdung für uns alle zu reduzieren. Denn Bruchlinien im Sozialsystem werden unter den Belastungen der Pandemie und der Krise zu Brüchen, (2) die uns alle gefährden. Zwischen Armut und Gesundheit besteht ein doppelter Zusammenhang: Krankheit macht arm und Armut macht krank. Es erstaunt deshalb nicht, dass Sozialhilfebezieher*innen überdurchschnittlich stark von gesundheitlichen Einschränkungen betroffen sind.

142.000 Menschen, die österreichweit von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, befinden sich in einem schlechten bis sehr schlechten Gesundheitszustand (3). Der psychosoziale Stress durch Armut gefährdet die Gesundheit. Jugendliche und Erwachsene, die in Armut aufgewachsen sind, haben ein bis zu dreifach höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder psychische Krankheiten als die restliche Bevölkerung (4).

Das Steiermärkische Sozialunterstützungsgesetz, das mit 1. Juli 2021 das Mindestsicherungs-gesetz ersetzen wird, konnte das Sozialhilfegrundsatzgesetz des Bundes in einigen Bereichen entschärfen. Bei gewissen Punkten hätte es allerdings noch Spielraum für Änderungen gegeben, damit sich das neue Gesetz nicht nachhaltig negativ auf die Bezieher*innen auswirkt. So sollte z.B. die Wohnkostenpauschale, die grundsätzlich zu begrüßen ist, unbedingt auf die möglichen 30 % des Höchstsatzes angehoben werden, denn schlechterer Wohnstandard bedeutet höhere gesundheitliche Belastungen. Kritisch zu sehen ist außerdem, dass Personen, bei einem länger als 14 Tage dauernden Krankenhaus- oder Kuraufenthalt oder einem Aufenthalt in einer vergleichbaren Einrichtung nur 50% des Höchstsatzes erhalten. Die monatlichen Kosten müssen trotzdem bezahlt werden, sonst drohen Obdachlosigkeit und Energieabschaltungen. Hier besteht die Gefahr, dass armutsbetroffene Menschen aufgrund der Leistungskürzungen auf notwendige Kuren und Reha Maßnahmen verzichten, was wiederum zur Folge hat, dass die Betroffenen länger arbeitslos bleiben oder dauerhaft arbeitsunfähig werden und somit auch dauerhaft in der Sozialunterstützung bleiben werden.

ier wäreHier Was braucht es um die „Immunabwehr“ gegen individuelle und soziale Krisen zu stärken und dem Motto des Weltgesundheitstags „Eine gerechtere und gesündere Welt zu bauen“ (5) Rechnung zu tragen?



· Soziale Menschenrechte als Verfassungsrechte anerkennen (siehe Entwurf Armutskonferenz „Bundesverfassungsgesetz soziale Sicherheit“ (6) )

· Existenzsichernde Richtsätze bei der Sozialhilfe: die gültigen Richtsätze der Sozialhilfe orientieren sich an fiktiven Annahmen, beispielsweise werden die in den letzten Jahren stark gestiegenen Mietpreise nicht berücksichtigt. Es braucht eine Orientierung an den tatsächlichen Kosten, die die Menschen zu bewältige haben

· Eine Anhebung des Arbeitslosengeldes, um einen dramatischen Anstieg prekärer Lebensverhältnisse zu vermeiden. Denn durch eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes kann schon eine Stufe vor dem letzten sozialen Netz das finanzielle Auskommen gesichert werden und ein Absturz in die Armut verhindert werden.

· Die Isolation der Menschen aufgrund der Corona-Maßnahmen hat besonders bei bisher schon vulnerablen Gruppen und hier vor allem bei älteren Menschen nicht nur die Vereinsamung erhöht sondern auch die medizinische Grundversorgung erstmals stark gefährdet. Auf die gesundheitlichen Auswirkungen aufgrund der medizinischen Unterversorgung wird zukünftig ein besonderes Augenmerk zu legen sein.


Wer jetzt Bruchlinien beseitigt, verhindert Brüche, nicht nur in der Biographie der Betroffenen sondern im gesellschaftlichen Gefüge: denn niemand ist sicher, bevor wir nicht alle sicher sind. Darauf machen anlässlich des Weltgesundheitstages am 7. April regionale Armutsnetzwerke in ganz Österreich und die bundesweit tätige Armutskonferenz aufmerksam.


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(1) „Building a fairer, healthier world“ https://www.who.int/campaigns/world-health-day/2021 [2] Studien: Bericht zur 1. Welle Covid 19, Mental Health https://www.meduniwien.ac.at/hp/fileadmin/sozialmedizin/pdf/Mental_Health_Austria_Bericht_Covid19_Welle_I_Mai19_2020.pdf Armutsbetroffene und die Corona Krise: https://www.sozialministerium.at/Services/News-und-Events/Archiv-2020/Dezember-2020/Armutsbetroffene-und-die-Corona-Krise.html (3 )EU-Silc 2019: https://www.statistik.at/web_de/frageboegen/private_haushalte/eu_silc/index.html (4) Quelle: Thomas Lampert, Psychosozialer Stress durch Armut, in: Aktuelle Kardiologie VII,5 (2018) (5) „Building a fairer, healthier world“ https://www.who.int/campaigns/world-health-day/2021 [6]http://www.armutskonferenz.at/news/news-2020/100-jahre-verfassung-armutskonferenz-legt-gesetzesentwurf-fuer-soziale-menschenrechte-vor.html


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